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Ausgabe vom 26. Juni 2018


  • General Electric:
    Vom wertvollsten Unternehmen der Welt zum Sanierungsfall





General Electric: Vom wertvollsten Unternehmen der Welt zum Sanierungsfall



von Martina Bisdorf
 (Chefredakteurin BÖRSEN-SPIEGELdaily)

Redaktion BÖRSEN-SPIEGEL        FacebookLike   TwitterFollow



Liebe Leserinnen, liebe Leser,

es gibt sie, die Vorzeigeunternehmen in den USA, von denen man glaubt, sie seien unantastbar. Das mag derzeit für die so genannten FAANG (Facebook, Apple, Amazon, Netflix, Google/Alphabet)-Aktien gelten, denn dem IT-Sektor gehört die Zukunft. Was allerdings heute mit der einstigen Ikone der amerikanischen Industrie, General Electric (GE), passiert, wird negativ in die Geschichte eingehen: Der Riesen-Mischkonzern muss heute nach 111 Jahren Mitgliedschaft den US-Leitindex Dow Jones verlassen. Manch ein Anleger fragt sich, wie es soweit kommen konnte. Werfen wir einen Blick auf die Historie.

Bitterer Niedergang einer einstigen Ikone

Immerhin war General Electric einmal das wertvollste und anerkannteste Unternehmen der Welt. Als Jeff Immelt Firmenlenker Jack Welch 2001 an der Konzernspitze ablöste war das noch der Fall bei dem Giganten, der von Kühlschränken, Zügen, Gasturbinen, Versicherungen etc. alles zu seinem Sortiment zählte. Längst war ein gigantisches Konglomerat entstanden aus dem Unternehmen, das einst der amerikanische Erfinder Thomas Alva Edison (Erfinder der Glühbirne) gegründet hatte. Mit der Entwicklung der Glühbirne zur Marktreife legte der legendäre Erfinder den Grundstein für ein weltumspannendes Imperium.

Dank des Erfindergeists von Edison, der im Laufe seines Lebens etwa 1.500 Patente anmeldete, u. a. für die Schreibmaschine und den Phonographen, eilte GE Jahrzehnte lang der Ruf des innovativsten Unternehmens der Welt voraus. Dass man inzwischen von der Hightech-Branche mit Siebenmeilenstiefeln überholt wurde, liegt auf der Hand. Doch mancher fragt sich, ob die Unternehmensführung hier nicht einige Züge verpasst hat, auf die man hätte aufspringen müssen.


GE muss heute den Dow Jones verlassen

Als John Flannery, der bis dato das Medizintechnikgeschäft des Konkurrenten Siemens geleitet hatte, 2017 den Vorstandsvorsitz von Jeff Immelt übernahm, ließ dieser zu seinem krönenden Abschluss noch verlauten, er habe den Konzern fit für die Weltmärkte gemacht. In Wahrheit aber übernahm Flannery einen Sanierungsfall, der seine besten Zeiten längst hinter sich hatte und sich bereits in der Abwärtsspiral drehte. So hatte sich sein Vorgänger schon von der Finanzsparte (GE Capital) getrennt. Diese hatte einst die Hälfte des Konzernumsatzes eingefahren. Dennoch sanken die Gewinne immer weiter, demzufolge auch der Aktienkurs.

Zum Zeitpunkt von Immelts Ausscheiden im August 2017 war der Wert der GE-Anteilscheine bereits auf ein Drittel des Niveaus bei seiner Amtsübernahme geschrumpft, während der US-Aktienindex S&P 500 sich in diesem Zeitraum mehr als verdoppelt hat. Heute wird nun das vollzogen, was kaum zu vermeiden war: GE fällt aus dem amerikanischen Leitindex Dow Jones. Das sei der „Gipfel des Niedergangs", die „größte Schande in der Geschichte von GE", dass das einst so stolze Unternehmen als letztes der Dow-Gründungsmitglieder das Börsenbarometer verlassen müsse, urteilte die New Yorker Finanzpresse.


Warum kam es soweit?

Experten nennen insbesondere zwei Gründe für den Abstieg des einstigen Aushängeschilds der US-Wirtschaft: Den Wandel eben dieser Wirtschaft sowie schwerwiegende, zum größten Teil hausgemachte Managementfehler. Tatsächlich wurde die klassische Industrie in den USA längst von Dienstleistern und Techfirmen wie Google und Apple abgelöst. Der Anteil der Industrie am Bruttoinlandsprodukt ging auf zuletzt 20,3% zurück, während der Dienstleistungssektor auf fast 79% angewachsen ist. „Die Finanz- und Konsumbranche, Gesundheitskonzerne und Techfirmen spielen heute in der US-Wirtschaft eine wesentlich prominentere Rolle als verschachtelte Industriekonzerne à la GE", gab David Blitzer vom Dow Jones-Index-Komitee zu bedenken.

Der neue Firmenchef hat deshalb unmittelbar nach seinem Amtsantritt ein gewaltiges Verkaufs- und Kostensenkungsprogramm verkündet. Dabei sollen mindestens 12.000 Stellen wegfallen. Zudem hat er Geschäftsbereiche mit einem Gesamtumsatz von 20 Mrd. Dollar abgestoßen. So wurde die Zugsparte an den Konkurrenten Wabtec abgestoßen, für rund 11 Mrd. Dollar. Die Tochter für Elektrobauteile und Stromaggregate ging für 2,6 Mrd. Dollar an den Schweizer Elektrotechnikkonzern ABB. Im April kündigte die Firmenspitze zudem den Verkauf der Gesundheitstechnologie-Sparte an. Auch Teile der Beleuchtungssparte stehen auf der Verkaufsliste, ebenso wie zwei kleinere Luftfahrt-Töchter.


Gewaltiges Kostensenkungsprogramm soll’s richten

Geholfen hat die Verschlankung allerdings bisher nicht. Im Gegenteil. Der Aktienkurs ist allein im vergangenen Jahr um 45% eingebrochen, nahezu 145 Mrd. Dollar haben sich dadurch quasi in Luft aufgelöst. Dabei hat der Dow Jones Index im gleichen Zeitraum 25% zugelegt. Auch in diesem Jahr ging es mit dem Kurs weiter bergab, vor allem nachdem GE verkündete, die Dividende um die Hälfte zu kürzen.

Inzwischen ist GE mit 113 Mrd. Dollar Marktkapitalisierung weniger wert als etwa Newcomer Netflix, der 178 Mrd. Dollar auf die Waage bringt. Derzeit vermag kaum jemand zu sagen, wo die Reise für den einstigen Mischkonzern-Giganten geht. Denn auch die Nachfrage nach Gasturbinen ist eingebrochen und bei einem Mischkonzern weiß man nie, welche Baustelle sich als nächstes auftut.


Warren Buffett bringt es auf den Punkt

Eine bittere Botschaft kam kürzlich auch von Warren Buffett: Er sei zwar nach dem Kurssturz der vergangenen Jahr in der Lage, GE komplett zu übernehmen, doch verstehe er das Geschäftsmodell des Konzerns nicht. Er hält das Unternehmen für zu groß, zu unübersichtlich, zu komplex: In Zeiten, in denen Investoren auf überschaubare Einheiten und eine glasklare Strategie pochen, erscheint ein Konglomerat wie GE immer mehr wie ein Relikt aus der Vergangenheit. So will sich die neue Führungsspitze nun „auf die Stärken" konzentrieren und GE einfacher und stärker machen, um voran zu  kommen.

Der kriselnde Ex-Riese gab zudem gestern bekannt, sein Gasmotorengeschäft in Österreich, Kanada und den USA an Advent zu verkaufen. Für die Sparte mit 3.000 Beschäftigen zahlt der Finanzinvestor laut Angaben von IT-News 3,25 Mrd. Dollar. Der Deal soll nach Zustimmung der Wettbewerbsbehörden im vierten Quartal dieses Jahres abgeschlossen sein. Finanzinvestor Advent zeigt sich über den Zukauf hoch erfreut. „Das Geschäft hat ein bedeutsames Wachstumspotenzial weltweit“, so Ranjan Sen, geschäftsführender Partner bei Advent. Der 1984 gegründete Finanzinvestor besitzt globale Investments von insgesamt 33 Mrd. Dollar. Über die weitere Entwicklung von General Electric wird Sie unser Analystenteam im
BÖRSEN-SPIEGEL auf dem Laufenden halten.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag und erfolgreiche Investments.


Herzliche Grüße

Ihre
Martina Bisdorf
(Chefredakteurin BÖRSEN-SPIEGELdaily)

PS: Freuen Sie sich morgen hier an dieser Stelle auf die neue Ausgabe unserer aktienlust kompakt mit vielen interessanten Infos, Videos und Tipps rund um das Börsengeschehen.





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