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Ausgabe vom 29. März 2017


  • Ab heute läuft der Countdown –
    Veränderungen auf der Insel und „abroad“


  • Zitat der Woche 



Ab heute läuft der Countdown  – Veränderungen auf der Insel und „abroad“






von Martina Bisdorf

Redaktion BÖRSEN-SPIEGEL        FacebookLike   TwitterFollow


Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ab heute ist es soweit: Unsere britischen EU-Nachbarn verlassen peu à peu die Gemeinschaft. Premierministerin Theresa May hat – relativ unspektakulär – die offizielle Austrittserklärung bereits unterschrieben. Sie dürfte inzwischen in Brüssel eingegangen sein. Damit ist die Scheidung Großbritanniens von der EU formell eingereicht. In zwei Jahren soll die Trennung vollzogen sein.

Ab jetzt ist es an May, den Brexit zu managen. Beobachter halten sie für so hart wie einst die „eiserne Lady“, Margaret Thatcher, allerdings verfolgt sie andere Ziele. Sie repräsentiert ein ganz gewisses England – und hat einen konkret erkennbaren Plan. Ob „Kleinbritannien“, wie die Insel scherzhaft schon genannt wird, dann ohne Schottland weitergehen wird oder nicht, das ist noch ungewiss. Ungewiss, wie so vieles dieser Tage. Denn für die Engländer wird sich definitiv einiges ändern. Aber auch für uns „abroad“, wie die Angelsachsen unseren Teil der Landkarte gern nennen – eben jene, die nicht auf der Insel wohnen, womit sie eigentlich „den Rest der Welt“ meinen - wird so manches anders. Ich will Ihnen heute zeigen, was:


Der Wochenendtrip nach London wird anstrengender

Der Wochenendtrip nach London ist für viele Deutsche zur Selbstverständlichkeit geworden. Zwar mussten sie dabei schon immer ihre Pässe mitnehmen, weil Großbritannien nicht Teil des Schengen-Raums ist. Und auch heute schon lässt sich in Heathrow oder Gatwick recht gut der britische Nationalsport Schlangestehen, das „Queueing“, proben. Dennoch genießen EU-Bürger gegenüber anderen Reisenden Vorteile. Dazu gehört, dass sie keinen Zoll auf ihre Mitbringsel zahlen müssen.

So einfach dürfte es nicht bleiben. Schließlich lautete eines der Hauptversprechen der Brexit-Befürworter, die „Kontrolle über unsere Grenzen zurückzuerlangen". Das könnte bedeuten, dass für EU-Bürger künftig genauso wie für Menschen aus anderen Ländern die verschärfte Identitätskontrolle der sogenannten „hard border“ gilt. Für sie veranschlagt die Regierung eine durchschnittliche Wartezeit von 45 Minuten - bei EU-Bürgern sind es bislang nur ca. 25 Minuten. Der Verband der britischen Flughafenbetreiber hat sich über den erhöhten Aufwand bereits „höchst besorgt" gezeigt.


„Gemischte“ Paare sollten sich um das Aufenthaltsrecht kümmern

„Michelle, ma belle", was bei den Beatles in den Sechzigerjahren noch als Liebeserklärung an eine fiktive Französin reichte, könnte künftig komplizierter werden. Denn je nach Ergebnis der Brexit-Verhandlungen haben EU-Bürger künftig kein automatisches Aufenthaltsrecht mehr in Großbritannien - und umgekehrt. Briten mit ausländischen Partnern sollten sich also rechtzeitig erkundigen, was genau das für ihre Lebenssituation bedeutet. 

Ein naheliegender Ausweg für Paare wäre es womöglich zu heiraten, damit der Partner die eigene Staatsbürgerschaft bekommt. Allerdings könnten die britischen Behörden bei den Motiven genau hinschauen: Denn von Kriminellen arrangierte Zweckehen gelten ohnehin schon als großes Problem in Großbritannien. Staatliche Inspektoren machen deshalb regelmäßig Kontrollbesuche bei Frischvermählten…


Zum Studium nach Oxford – das dürfte künftig schwieriger werden

Für viele junge Europäer ist es der Glanzpunkt ihrer Studienzeit: Für ein Semester ins Ausland gehen zum Studieren. Recht einfach macht das das Erasmus-Programm der EU möglich, das bereits seit 30 Jahren den Studentenaustausch fördert. Und nicht wenige deutsche Studenten haben während dieser Zeit England bevorzugt, schon allein wegen der Sprache. Die Englischkenntnisse sind nach dem Abitur in der Regel am besten ausgeprägt, was die Verständigung am neuen Studienort schon einmal erleichert.

Mit dem Brexit aber steht Großbritanniens Teilnahme am Austauschprogramm infrage. Die EU hatte 2014 schon die Schweiz von Erasmus ausgeschlossen, nachdem durch die sogenannte Masseneinwanderungsinitiative die Einschränkung der Freizügigkeit für EU-Bürger beschlossen wurde. Auch für die rund 16.000 an britischen Hochschulen eingeschriebenen deutschen Studenten ist der Brexit ein Problem. Bislang zahlen sie bei den oft hohen Studiengebühren denselben Satz wie Einheimische. Künftig könnten die deutlich höheren Gebühren für Nicht-EU-Ausländer gelten.


Zartbitterer Verlust - die Schokolade wird kleiner

Viele britische Schokoladenliebhaber bekommen den Brexit schon jetzt zu spüren: Zunächst verringerte der Lebensmittelkonzern Mondelez die Zahl der Zacken auf den in Großbritannien verkauften Toblerone-Riegeln. Nun wurde auch noch eine mögliche Verkleinerung der ebenfalls von Mondelez hergestellten – extrem leckeren! - Cadbury-Schokolade angekündigt. Ein herber Verlust.



Hinter den scheinbar skurrilen Entscheidungen steckt ein grundsätzliches Problem britischer Lebensmittelhersteller: Weil das Pfund nach dem Brexit-Votum deutlich an Wert verloren hat, wird der Einkauf von Zutaten wie Kakao im Ausland teurer. Der Allround-Konzern Unilever soll bereits versucht haben, diese Kosten durch eine zehnprozentige Preiserhöhung an Supermarktketten wie etwa Tesco weiterzugeben. Daraufhin waren der beliebte Brotaufstrich Marmite sowie andere Unilever-Produkte bei Tesco vorübergehend nicht mehr erhältlich.


EU-Zugehörigkeitper Pass

Nicht wenige Briten wollen die Privilegien eines EU-Bürgers auch nach dem Brexit genießen - und beantragen deshalb eine neue Staatsbürgerschaft. Allein in Berlin, Hamburg und Frankfurt stieg die Zahl entsprechender Anträge laut einer Umfrage der Welt innerhalb eines Jahres von 79 auf 480. Insbesondere nach dem Brexit-Referendum am 23. Juni 2016 wurde ein Anstieg verzeichnet. Mit einem Antrag vor dem Brexit sichern sich die Antragsteller die sogenannte Mehrstaatigkeit: Im Gegensatz zu anderen Ausländern in Deutschland dürfen EU-Bürger den Pass ihres Heimatlandes behalten.

Der Trend gilt auch umgekehrt: Die Zahl der Anträge auf eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis in Großbritannien hat sich nach dem Brexit-Referendum gegenüber dem Vorjahr fast verdreifacht. Dabei wird es Interessenten nicht gerade leicht gemacht: Das Antragsformular umfasst stolze 85 Seiten. Man sieht schon jetzt: Es dürfte alles nicht ganz so einfach werden, wie sich das die Briten bei der Abstimmung sicher noch gedacht haben. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass der Countdown ab heute läuft.

Wir halten Sie weiterhin auf dem Laufenden über diese und andere nachbarschaftliche Beziehungen.

Herzliche Grüße

Ihre
Martina Bisdorf
(Chefredakteurin BÖRSEN-SPIEGELdaily)

PS: Der geplante Zusammenschluss von Deutscher Börse und London Stock Exchange (LSE) ist jetzt endgültig abgeblasen. Die EU-Kommission untersagte heute wie erwartet die gut 25 Mrd. Euro schwere Fusion. „Der Zusammenschluss zwischen Deutsche Börse und London Stock Exchange hätte den Wettbewerb erheblich eingeschränkt, denn er hätte in einem wichtigen Bereich, dem Clearing festverzinslicher Finanzinstrumente, ein De-facto-Monopol geschaffen“, erklärte dazu EU-Kommissarin Margrethe Vestager.






Zitat der Woche


„Großbritannien ist immer am besten, wenn es dabei hilft, ein starkes Europa zu führen."

Barack Obama, ehemaliger US-Präsident, im April 2016 zum damals bevorstehenden Brexit-Referendum.







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