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Ausgabe vom 11. Januar 2017



  • VW und kein Ende – Wolfsburg in der Bredouille

  • Zitat der Woche 


VW und kein Ende –
Wolfsburg in der Bredouille     
 




von Martina Bisdorf

Redaktion BÖRSEN-SPIEGEL        FacebookLike   TwitterFollow


Liebe Leserinnen, liebe Leser,

schon wieder bzw. immer noch ist Deutschlands einstiger Vorzeigekonzern Volkswagen in den Schlagzeilen der Wirtschaftsnachrichten. Dass es so dicke kommt, hätte nämlich doch keiner gedacht: VW muss im Abgas-Skandal wohl tiefer als erwartet in die Tasche greifen, um Rechtsstreitigkeiten mit der US-Justiz beizulegen. Man habe Bußgeld- und Strafzahlungen in Höhe von 4,3 Mrd. Dollar (4,1 Mrd. Euro) ausgehandelt, gaben die Wolfsburger gestern Abend bekannt. Es wäre die höchste Strafe aller Zeiten in der Branche. Der Vergleich ist aber noch nicht endgültig besiegelt. Und es gibt schon wieder neuen Grund zur Sorge.

Der Kompromiss mit dem US-Justizministerium wäre ein Meilenstein bei der Bewältigung der Dieselgate-Affäre, die den Autobauer seit September 2015 im Krisenmodus gefangen hält. Seit über einem Jahr ermittelt die US-Bundespolizei FBI und Fahnder anderer Justizbehörden wegen des Verdachts krimineller Vergehen im Zusammenhang mit der Manipulation der Abgaswerte Hunderttausender Dieselwagen in den USA.


Kann sich VW wirklich freikaufen?

Mit dem Deal könnte sich Volkswagen in dem Verfahren freikaufen - allerdings zu einem sehr hohen Preis: Da der Konzern sich mit Kunden, Autoverkäufern und Behörden bei US-Zivilklagen bereits auf Vergleiche geeinigt hat, die über 17 Mrd. Dollar kosten könnten, werden die Rückstellungen wohl nicht ganz ausreichen. Bislang hatte VW 19,2 Mrd. Dollar (18,2 Mrd. Euro) für Rechtskosten im Abgas-Skandal beiseitegelegt. Nun dürfte die Rechnung auf mehr als 21 Mrd. Dollar steigen. „Die Summe tut weh, wäre aber verkraftbar“, so das Statement des Auto-Experten Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen.

Dennoch würde der Konzern die volle Härte des US-Rechts erfahren, sollte der Aufsichtsrat dem Deal zustimmen. Denn neben den hohen Bußgeldern soll Volkswagen auch die Kontrollsysteme verstärken und vor allem ein Schuldgeständnis abgeben. Damit würde man kriminelle Handlungen zugeben. VW hatte zwar frühzeitig Fehler eingeräumt, bislang aber keine kriminellen Vergehen. Zur Erinnerung: General Motors und Toyota hatte die US-Justiz bei Vergleichen keine Schuldbekenntnisse abgepresst. Die Fälle sind allerdings nur schwer vergleichbar: Bei den Rivalen ging es nicht um Betrug, sondern um Defekte, die zu tödlichen Sicherheitsrisiken führten.


Momentan überwiegt die Erleichterung - Aber die Vorwürfe lasten schwer

Trotz der überraschend hoch ausfallenden Strafe könnte in Wolfsburg die Erleichterung über die Einigung überwiegen. Durch den Vergleich, der sowohl strafrechtliche als auch noch offene zivilrechtliche Auseinandersetzungen mit dem Justizministerium aus der Welt schaffen würde, könnte sich VW endlich wieder stärker auf das Tagesgeschäft konzentrieren und nach vorne schauen. Wäre da nicht der wohl noch lange anhaftend bleibende Image-Schaden.

Immerhin wiegen die Vorwürfe des FBI gegen die (auch ehemaligen) Firmenlenker und Entscheider schwer. Denn das Verschweigen bereits seit Längerem geplanter bewusster Manipulation von Daten seitens der Konzernzentrale wäre ein als kriminell einzustufender Tatbestand. Ob sich Martin Winterkorn und Co. sowie der Konzern davon je erholen, bleibt fraglich. Und das FBI lässt nicht locker. Nach Informationen des Handelsblatts wurden mehrere Mitarbeiter des Volkswagen-Konzerns gezielt nach Verstrickungen von damaligen und heutigen Vorstandsmitgliedern befragt. Das FBI bezeichnet die Befragten in internen Unterlagen gar als Kronzeugen.


Konzernzentrale in Aufregung – Anleger bleiben gelassen

Die Wolfsburger Firmenzentrale befindet sich seither im Ausnahmezustand: Nach außen wird geschwiegen, doch innen herrscht wohl große Aufregung. Immerhin schrieb der jetzt verhaftete US-Mitarbeiter von VW Oliver Schmidt angeblich bereits im April 2014 (also rund anderthalb Jahre vor dem Rücktritt von VW-Chef Martin Winterkorn) an seine Kollegen in der Konzernzentrale eine E-Mail mit folgendem Inhalt: „Zunächst sollten wir entscheiden, ob wir ehrlich sein wollen oder nicht. Wenn wir nicht ehrlich sind, bleibt alles wie es ist.“ Man entschied sich wohl für das Prinzip Unehrlichkeit, was den Konzern jetzt noch stärker in Bedrängnis bringen dürfte.

Nichtsdestotrotz bleiben die Anleger heute gelassen: Trotz der Rekordstrafe reagiert die VW-Aktie mit einem deutlichen Plus: Zum Börsenauftakt stieg das Papier um mehr als 2% auf 149,25 Euro und führt damit sogar die heutige DAX-Gewinnerliste an. Damit hat die Aktie seit dem Kurssturz Mitte September 2015, als der Dieselskandal aufgedeckt wurde, bereits mehr als 50% zugelegt und notiert auf dem höchsten Stand seit Skandalbeginn. Wie der Volkswagen-Krimi weitergeht, darüber halten wir Sie in unseren Börsenbriefen auf dem Laufenden. Für heute wünsche ich Ihnen einen schönen Tag und – bleiben Sie gelassen.

Herzliche Grüße

Ihre

Martina Bisdorf

PS: In der vergangenen Nacht hielt der scheidende US-Präsident Barack Obama eine bewegende Abschiedsrede an „sein“ Volk. Viele Stimmen wurden laut, es habe sich dabei um die bedeutendste Rede seiner Amtszeit gehandelt. Zumindest war sie sehr emotional und ist es wert, gehört zu werden. Sie können sich das Video dazu auf etlichen Online-Seiten der einschlägigen Wirtschaftsmedien anschauen. Die Worte, die ich persönlich am bedeutendsten fand, habe ich als Zitat der Woche gewählt.






Zitat der Woche



„Es war die Ehre meines Lebens, euch zu dienen.“

Barack Obama  (US-Präsident von 20.01.2009 - 20.01.2017)






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