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Ausgabe vom 29. Juli 2015



  • Crash in China und Wachstumsbremse in den Schwellenländern –
    Was ist los in der „Zweiten Welt“? 


  • Zitat der Woche



 


Crash in China und Wachstumsbremse in den Schwellenländern –
Was ist los in der „Zweiten Welt“?

 



   

von Martina Bisdorf
Redaktion BÖRSEN-SPIEGEL        FacebookLike   TwitterFollow

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

„Chinesische Börse springt um 4,5% nach oben“, mit dieser Headline wurde man heute morgen in diversen Online-Medien begrüßt, so als müsste man jetzt endlich einmal eine positive Nachricht ins Volk senden, nachdem sich an den chinesischen Börsen in den vergangenen Tagen ein regelrechtes Beben ausgebreitet hatte.

Auf den ersten Blick ist das auch gut so: Immerhin hat der gebeutelte Leitindex in Shanghai, der Shanghai Composite Index, den Börsentag im Reich der Mitte mit einem massiven Kurssprung beendet: Er stieg um 4,5% auf knapp 3.800 Punkte. Beobachter vermuten, dass die chinesische Regierung in den letzten 30 Minuten des Handelstages im großen Umfang Aktien aufgekauft hat. Besonders stark gestiegen seien demnach Werte aus den Bereichen Verteidigung und Militär, wie George Chen von der South China Morning Post schreibt.


Der Kurseinbruch in China ist kein Drama

Ob es sich dabei um eine echte Erholung handelt, darf man in Frage stellen, denn sie beruht auf dem massiven Eingreifen der Regierung in Peking. Fakt ist jedoch, dass sich die chinesische Festlandbörse derzeit in einer scharfen Korrektur befindet. Die Vergangenheit hat uns aber gelehrt, dass solche Eingriffe in den freien Markt nur vorübergehend wirken und den eigentlichen Prozess einer gesunden Korrektur nur unterbrechen.

An der chinesischen Börse ist es, ähnlich wie am deutschen Neuen Markt Ende der 1990er Jahre, zur berühmten „Milchmädchen-Hausse“ gekommen. Auch hier haben unerfahrene Privatanleger vielfach sogar auf Kredit Aktien gekauft. Dieser Exzess wird derzeit lediglich bereinigt – nicht mehr und nicht weniger. Es besteht also überhaupt kein Grund zur Panik.


Auch die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ist ein Schwellenland

Besorgniserregender ist hingegen eine neue Erkenntnis über die so genannten Schwellenländer, zu denen offiziell auch China zählt, obwohl das manche Kritiker gern in Frage stellen wollen. Immerhin handelt es sich um die nach den USA zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt. Es ist zu beobachten, dass die Märkte nun konkret damit beginnen, die anstehende Zinswende der US-Notenbank in die Kurse einzuarbeiten. Und das könnte besonders die Emerging Markets (zu Deutsch: Schwellenländer) betreffen.

Schwellenländer im Kapital-Exodus

Im letzten Quartal wurden laut Angaben des Wirtschaftsforums Boerse-go.de 120 Mrd. Dollar aus Schwellenländern abgezogen, im ersten Quartal waren noch 80 Mrd. Dollar nach China und in andere Emerging Markets geflossen. Und der „Crash“, wie die Korrektur oft medienwirksam beschrieben wird, der chinesischen Märkte hat ausländischen Investoren vollends den Appetit verdorben. In den vergangenen fünf Quartalen summierte sich der Kapitalabfluss aus China auf 520 Mrd. Dollar, damit wurden alle Zuströme eliminiert seit dem Jahr 2011, als die Wachstumsverlangsamung in China spürbar begann.

BRICS-Staaten entwickeln Alternative zu IWF und Weltbank

Die fünf größten Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika haben vorletzte Woche in Shanghai den Weg für eine eigene Entwicklungsbank freigemacht. Herausgekommen ist das neue Finanzinstitut New Development Bank (NDB). Erklärtes Ziel: eine größere Unabhängigkeit von Institutionen wie dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank. Chinesische Medien zitierten den indischen Institutschef K. V. Kamath bei der Eröffnungsfeier mit den Worten, man wolle das bisherige internationale Finanzsystem nicht herausfordern, sondern ergänzen.

Das neue Geldinstitut arbeite nun laut den Medienberichten „an der Anbahnung von Operationen“. Dazu zählten auch Entwicklungsprojekte. Größter Geldgeber ist mit einem Anteil von fast 40% das wohl bedeutendste Schwellenland, China. Das Gesamtkapital der BRICS-Staatenbeläuft sich Schätzungen zufolge auf 100 Mrd. Dollar. Die Staatengemeinschaft will nach eigenen Angaben außerdem 100 Mrd. Dollar als Devisenreserve aufbauen, um mehr Unabhängigkeit von kurzfristigen Entwicklungen an den Finanzmärkten zu erreichen.


Zweite Welt - Was ist überhaupt ein Schwellenland?

Mancher von Ihnen fragt sich angesichts solcher Summen und der trotz allem noch florierenden Wirtschaft in China, die für viele andere Volkswirtschaften die Lokomotive schlechthin ist, was ist überhaupt ein Schwellenland? Nun, die wissenschaftliche Definition ist ebenso knapp wie erstaunlich:

„Ein Schwellenland, seltener Zweite Welt, ist ein Staat, der traditionell noch zu den Entwicklungsländern gezählt wird, aber nicht mehr deren typische Merkmale aufweist. Deshalb wird ein solches Land begrifflich von den Entwicklungsländern getrennt.“ (Wikipedia)

China ist also ein Entwicklungsland. Das mag manchen erstaunen, wenn man aber bedenkt, dass Schwellenländer meist geprägt sind durch einen starken Gegensatz zwischen Arm und Reich kommen wir der Sache schon näher. Auch in China gibt es, vor allem im ländlichen Raum,  noch sehr viele arme Menschen.

Große Sorge bereitet den Experten mittlerweile die Tatsache, dass es mit der teilweise eindrucksvollen Entwicklung der Schwellenländer bald vorbei sein könnte.


Geschwächtes Wachstum in den Emerging Markets

Der Anteil der Emerging Markets an der globalen Wirtschaftsleistung und am weltweiten Handel hatte während der letzten 20 Jahre erheblich zugenommen. In der jüngeren Zeit hat die gesamtwirtschaftliche Dynamik allerdings in einer Vielzahl von Schwellenländern deutlich nachgelassen und ihr Wachstumsvorsprung gegenu?ber den Industrieländern hat sich verringert.

Zu diesem Ergebnis kam die Deutsche Bundesbank in ihrem Monatsbericht vom 20 Juli dieses Jahres. Als Ursache waren zunächst zyklische Belastungen vermutet worden, insbesondere die zwischen zeitliche Nachfrageflaute in den Industrieländern. Die Notenbanker vermuten hingegen, dass die Hartnäckigkeit der Wachstumsschwäche ein tatsächliches Abflachen Expansionspfads ausdrückt.


Ende der Rohstoff-Hausse bedroht Schwellenländer

Unter ungünstigen Umständen könne sich das Wachstum künftig noch weiter verringern. In China trage zu der schwächeren Entwicklung bei, dass der sektorale Strukturwandel nachlasse und die Wachstumsimpulse, die von den marktwirtschaftlichen Reformen der Vergangenheit herrührten, ausliefen:

„Für jene aufstrebenden Volkswirtschaften, die auf den Export von Rohstoffen spezialisiert sind, scheint von Bedeutung zu sein, dass die Rohstoff-Hausse zu Ende gegangen ist. In den osteuropäischen Schwellenländern reflektiert das gedrosselte Tempo eine Normalisierung, nachdem sich die hohen Zuwachsraten aus der Zeit unmittelbar vor der globalen Finanzkrise als nicht nachhaltig herausgestellt haben. Auch die gebremste Investitionstätigkeit und eine Vernachlässigung des wirtschaftspolitischen Reformkurses halten das Wirtschaftswachstum zurück“, so der Bericht der Bundesbank.


Unter dem Strich immer noch Wachstum

Unterm Strich sieht die Bundesbank aber nach wie vor ein hohes Wachstumspotenzial in den Schwellenländern. Um dieses auszuschöpfen, seien allerdings weitere Strukturreformen nötig. Die Experten warnen die Schwellenländern davor, den scheinbar einfacheren Weg zu gehen und ihre Probleme über eine lockere Geldpolitik oder höhere Staatsausgaben lösen zu wollen. Diese Maßnahmen könnten in einigen Ländern die vorhandenen Ungleichgewichte noch vertiefen.

Hoffen wir, dass sich China in Anbetracht der zwar nicht gefährlichen, aber dennoch brisanten Lage diese Warnung zu Herzen nimmt.

Es grüßt Sie herzlich und kritisch zur Wochenmitte

Ihre

Martina Bisdorf

PS: Dass die Zeiten für die Autohersteller im Allgemeinen und für Volkswagen als einen der größten Hersteller überhaupt schwieriger werden würden, war lange klar. Nicht umsonst haben die VW-Papiere seit Mai gut 20% an Wert eingebüßt. Bleibt abzuwarten, wie sich die Situation in China, wo die Wolfsburger mehr als ein Drittel ihrer Autos verkaufen, entwickelt. Wir halten Sie auf dem Laufenden.






Zitat der Woche



„Jede Fähigkeit kommt dadurch in Gefahr, dass man sie zu übertreiben sucht.“

Chinesisches Sprichwort






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