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Ausgabe vom 12. November 2014


  • Schwarzes Gold – Eine Branche kämpft ums Überleben 

  • Zitat der Woche
     
     

 


Schwarzes Gold –

Eine Branche kämpft ums Überleben


 


von Martina Bisdorf
Redaktion BÖRSEN-SPIEGEL        FacebookLike   TwitterFollow

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

gestern hat Ihnen meine Kollegin Cindy Ullmann an dieser Stelle Informationen aus erster Hand über die aktuelle Lage des gelben Edelmetalls Gold gegeben. Ihr Besuch auf der Münchner Edelmetallmesse am Wochenende war für uns alle bereichernd und lässt die Hoffnung auf eine Erholung am Goldmarkt aufkeimen. Ich will Ihnen heute über das schwarze Gold – nämlich Erdöl - berichten.

Denn während wir uns nun schon seit geraumer Zeit über die niedrigen Benzinpreise an der Tankstelle freuen, führen die Giganten der Ölbranche einen Kampf ums Überleben. Der Ölpreis ist seit diesem Sommer kontinuierlich gesunken. Hier ein aktueller Blick auf die Ölpreise, die heute an die Verluste der Vortage angeknüpft und weiter nachgegeben haben:


Rohölpreise im freien Fall

Am Morgen kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur Lieferung im Dezember 81,20 Dollar. Das waren 47 Cent weniger als am Vortag. Seit Juni ist der Brent-Preis damit um rund 30% abgerutscht. Der Preis für ein Fass der amerikanischen Sorte WTI fiel um 46 Cent auf 77,48 Dollar.

Nach Einschätzung der Händler werden die Ölpreise nach wie vor durch die Aussicht auf eine weiter hohe Fördermenge durch die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) belastet. Bei der nächsten Opec-Tagung am 27. November rechnen Experten nicht mit einer Kürzung der Fördermenge durch das Ölkartell.


Die großen Ölkonzerne bekommen den Absturz des Rohölpreises immer schmerzhafter zu spüren. Die Energieriesen, die bislang immer in gigantischen Dimensionen gedacht haben, werden mit dem bislang Undenkbaren konfrontiert - der Notwendigkeit, sich gesundzuschrumpfen.

Einschnitte in Milliardenhöhe

Trotz Gewinnen von zusammen 18,9 Mrd. Dollar im dritten Quartal kassieren die Top-Drei der Branche – ExxonMobil, Shell und Chevron - momentan ihre Expansionspläne oder trennen sich von Geschäften mit besonders dünnen Profitmargen. Der Grund für den Kurswechsel liegt unter anderem in den höheren Kosten, die mit der Öl- und Gasförderung verbunden sind.

Exxon, Shell, Chevron sowie auch BP verdienen mit der Ausbeute ihrer Reserven inzwischen weniger als noch vor zehn Jahren. Im Schnitt kamen sie im vergangenen Jahr beim Öl- und Gasverkauf auf eine Gewinnmarge von 26%. Vor zehn Jahren waren es noch durchschnittlich 35% - und das bei einem zu dieser Zeit halb so hohen Ölpreis.

BP ist am rigorosesten auf die Bremse getreten und hat seit 2010 für 40 Mrd. Dollar Vermögenswerte verkauft. Hier lag allerdings die Sondersituation einer Riesen-Umweltkatastrophe vor: Die Erlöse dienten zum größten Teil dazu, für die immensen Kosten aufzukommen, die für die Briten durch die „Deepwater Horizon"-Katastrophe im Golf von Mexiko anfielen.

Bei ExxonMobil verringerte sich der Ausstoß auf ein Fünfjahrestief, nachdem sich der Konzern von einigen wenig ertragreichen Förderungen im Nahen Osten getrennt hatte. Der US-Konzern Chevron hielt seine Förderung zuletzt zwar stabil, schiebt aber wichtige Investitionen aus Kostengründen auf.


Immer mehr, immer schneller

In der Vergangenheit konzentrierten sich die Ölkonzerne bekanntermaßen darauf, immer wieder möglichst schnell neue Öl- und Gasfelder zu erschließen. Damit sollten einerseits die ausgebeuteten Förderquellen rasch durch neue ersetzt werden, andererseits wollte man aber auch den Anlegern vermitteln, dass die Unternehmen weiter auf Wachstumskurs stehen.

Die schiere Größe der Konzerne machte es allerdings erforderlich, riesige, komplexe und teure Projekte auszuwählen, damit sich bei Ölreserven und Umsätzen der Firmen wirklich etwas tat. So fahndeten Exxon, Shell und Chevron lange nach riesigen Energielagerstätten – vom Westen Kanadas bis hin zur unwirtlichen zentralasiatischen Steppe. Allesamt bohrten sie in großer Tiefe im Golf von Mexiko und bauten Anlagen, um Erdgas auf einer abgelegenen australischen Insel zu verflüssigen. Zusammen investierten sie zwischen 2009 und 2013 ca. 500 Mrd. Dollar.

Ausbeutung teuer bezahlt

Über Jahrzehnte hinweg habe sich die Ölindustrie auf ihre „koloniale Vergangenheit'' gestützt, bekannte jüngst Shell-Finanzchef Simon Henry. Dadurch konnte man zu relativ geringen Kosten hohe Reserven erschließen, so geschehen beispielsweise im Nahen Osten. In den 1970er-Jahren wurde dies durch härtere Verhandlungen etlicher Länder schwieriger.

In den späten 1990er-Jahren wäre es „inakzeptabel gewesen zu sagen, dass die Förderung sinkt", erinnert sich der Finanzvorstand. „Seinerzeit haben wir den Anlegern alles versprochen, um sie bei Laune zu halten.“ Jetzt falle das allen Ölförderern auf die Füße, äußerte sich Simon Henry freimütig weiter.


Umdenken in der Ölbranche angesagt

Der neue Blick auf die Projekte hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die Konzerne mittlerweile allesamt mehr Geld investieren, als mit dem Cashflow wieder hereinkommt. ExxonMobil beispielsweise hat in neun von zehn Quartalen mehr für Dividenden, Aktienrückkäufe sowie für Kapital- und Explorationskosten ausgegeben, als das operative Geschäft und der Verkauf von Vermögenswerten eingebracht haben.

Das Raffineriegeschäft hat die Folgen des gesunkenen Rohölpreises zuletzt etwas verdeckt. Einige Konzerne haben aber bereits angedeutet, dass sie mehr Schulden machen wollen, selbst wenn der Ölpreis noch weiter sinken sollte. So will Chevron seine Barreserven von 14,2 Mrd. Dollar angreifen, um Dividenden auszuzahlen und Aktien zurückzukaufen. „Kurzfristig machen wir uns keine Sorgen", betonte die Finanzchefin des Konzerns Patricia Yarrington. „Doch es ist offensichtlich, dass wir das über lange Zeit nicht so durchstehen können." Die Sorgen in der Branche wachsen also.


Ein weiterer, spätestens seit gestern nicht mehr zu unterschätzender Aspekt ist auch das immer stärkere Vorpreschen der Erneuerbaren Energien. Haben sich doch US-Präsident Barrack Obama und Chinas Staatchef Xi Jinping auf gemeinsame Klimaziele geeinigt.

China und USA im Einklang für die Umwelt

Der US-Präsident kündigt an, dass die USA bis zum Jahr 2025 den Ausstoß von Treibhausgasen um 26 bis 28% im Vergleich zum Jahr 2005 reduzieren würden. Xi Jinping kündigte nach Medienangaben für China an, bis zum Jahr 2030 den Anteil Erneuerbarer Energien auf etwa 20% zu steigern.

Ein großes Ziel für die bisher nicht gerade als umweltfreundlich geltenden Chinesen. Aber in Anbetracht der dortigen katastrophalen Umweltsituation kann man dieses Versprechen durchaus ernst nehmen. Denn um nicht gänzlich im Smog zu ersticken, muss China handeln.

Alternative Energien auf dem Vormarsch 

Wenn man dazu allein an die Boom-Branche Elektroautos denkt, wo sich inzwischen alle namhaften Autobauer tummeln, könnte das in einigen Jahren bedeuten, dass wir an der Tankstelle immer weniger Benzol einatmen und uns umweltfreundlicher fortbewegen.

Sicher, das wird noch eine Weile dauern, aber für die Ölkonzerne dürften auch solche umweltbegünstigenden Entwicklungen Auswirkungen haben. Das Umdenken in der Ölbranche wird wohl noch weitergehen.

Ich grüße Sie herzlich und kritisch zur Wochenmitte und freue mich wie immer über Ihre Meinung zum Thema.

Ihre
Martina Bisdorf

PS: Es ist Zahltag: Wie heute in den Medien gemeldet wurde, müssen die fünf vom Devisenskandal betroffenen Banken 3,4 Mrd. Dollar Strafe zahlen. Dies haben ihnen die jeweiligen nationalen Aufsichtsbehörden auferlegt. Betroffen sind die Citigroup, HSBC, JPMorgan, die Royal Bank of Scotland und die UBS. Am härtesten trifft es die Schweizer UBS mit fast 800 Mio. Dollar.






Zitat der Woche


„Die Klimakrise ist die neue Mauer, die uns von unserer Zukunft trennt und viele der heutigen Staatslenker unterschätzen das Ausmaß der Gefahr.“

Michail Gorbatschow, zum 20sten Jubiläum des Mauerfalls, November 2009





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