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Ausgabe vom 22. Oktober 2014


  • Die Zeugnisausgabe für Europas Banken naht 

  • Zitat der Woche   


 

Die Zeugnisausgabe für Europas Banken naht
    



von Martina Bisdorf
Redaktion BÖRSEN-SPIEGEL        FacebookLike   TwitterFollow

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

erinnern Sie sich noch an das bisweilen mulmige Gefühl zur Schulzeit, wenn der Tag der Zeugnisausgabe näher rückte? So könnten sich derzeit die 128 Kreditinstitute fühlen, für die am Sonntag Zeugnistag ist. Dann kommt die Stunde der Wahrheit: Die Ergebnisse des sogenannten Bankenstresstests werden verkündet.

Seit mehr als zehn Monaten haben Wirtschaftsprüfer im Auftrag der Europäischen Zentralbank (EZB) die 128 bedeutendsten Banken der Euro-Zone, davon 24 deutsche, nach Altlasten und Kapitallücken durchforstet und durchleuchtet. Mehrfach wurde in den Medien darüber berichtet, was es damit auf sich hat und darüber spekuliert, welche Auswirkungen der Test für die Kreditinstitute hat.


Fingerspitzengefühl beim Aufräumen gefragt

Sabine Lautenschläger, Ex-Vizepräsidentin der Dt. Bundesbank und inzwischen EZB-Direktoriumsmitglied sowie Vizechefin der neuen Bankenaufsicht, will die „Chance zum Aufräumen“ in den Bankenbilanzen nutzen. Sie räumt ein, dass dabei auch Fingerspitzengefühl gefragt sei, denn:

Sei die EZB zu streng und lasse eine Bank nach der anderen durchrasseln, wären gefährliche Verwerfungen an den Finanzmärkten die Folge. Prüfe sie hingegen zu lasch, wäre ihr Ruf dahin und das Misstrauen gegenüber der Bankenwelt wieder da, das es ja eben auszuräumen gelte.

Sicher ist, dass für die Banken viel auf dem Spiel steht, denn nicht alle werden bestehen und die „Durchfaller“ müssen ihre Bilanzen rasch nachbessern, weil ihnen sonst die Abwicklung droht. Auch wenn etliche Finanzexperten und Politiker ihre Zweifel an der Wirksamkeit des Stresstests haben. Aber dazu komme ich später. Zunächst einmal will ich Ihnen die sieben am häufigsten gestellten Fragen zum Bankenstresstest beantworten:


7 wichtige Fragen zum Bankenstresstest

1. Welche Szenarien werden bei der Prüfung zugrunde gelegt?

Die EZB-Prüfer haben zunächst die Qualität der Aktiva-Positionen in den Bilanzen zum 31. Dezember 2013 gecheckt. Dabei war herauszufiltern, wo verborgene Risiken stecken und wo Bewertungen von Krediten korrigiert werden müssen. Auf diese Qualitätsprüfung baut der Stresstest auf, dem zwei Szenarien zugrunde gelegt werden.

Das Basisszenario basiert auf der erwarteten wirtschaftlichen Entwicklung der Euro-Zone. Beim Stressszenario wird ein drei Jahre anhaltender Konjunktureinbruch mit steigender Arbeitslosigkeit, einem Börsencrash und fallenden Immobilienpreisen zugrunde gelegt.


2. Wann besteht eine Bank, wann fällt sie durch?

Bestanden hat eine Bank, wenn sie im Basisszenario eine Kernkapitalquote von mindestens 8% aufweist. Diese Größenordnung muss jeweils am Ende der betrachteten Jahre 2014, 2015 und 2016 gehalten werden. Um das Krisenszenario zu überstehen, muss die Kapitalquote bis Ende 2016 mindestens 5,5% betragen. Sinkt sie darunter, ist die Bank durchgefallen.

In diesem Fall muss das Kreditinstitut der EZB innerhalb von zwei Wochen einen Plan vorlegen, wie es die Kapitallöcher stopfen will. Für den Lückenschluss aus dem neutralen Szenario hat sie sechs Monate Zeit, für das Stopfen der Löcher aus dem Krisenszenario bleiben neun Monate.

Fällt eine Bank nur „knapp“ durch, hat das keine unmittelbaren Konsequenzen, denn aus Sicht der EZB gibt es nur schwarz oder weiß – entweder bestanden oder nicht. Allerdings dürften die Investoren auf den Finanzmärkten etwas genauer hinschauen, ob eine Bank schon beim neutralen Szenario Probleme hat oder ob deren Kapitaldecke erst im Krisenszenario bedenklich dünn wird. In diesem Fall kann das Kreditinstitut mit mehr Gnade seitens der Investoren rechnen, schließlich bliebe ihm noch eine Galgenfrist bis zur nächsten Krise.


3. Wie sind die Löcher zu stopfen?

Die durchgefallenen Banken müssen dazu Kredite aufnehmen. Sind sie nicht in der Lage, in dem vorgegebenen Zeitraum den Forderungen der EZB zu entsprechen und ihre Eigenkapitalquote zu erhöhen, d.h. die erforderlichen Kredite zu erhalten, wird ihnen die Abwicklung empfohlen. Dazu werden die Bilanzreste in eine Bad Bank verlagert, damit der eventuell noch gesunde Teil des abgewickelten Instituts getrennt davon weiter existieren kann.

4. Wo drückt die EZB ein Auge zu?

Manchen „Sorgenkindern“ unter den Banken gesteht die EZB eine Sonderbehandlung zu. Dabei handelt es sich um Häuser, die bereits verstaatlicht wurden oder die sich in einer Abwicklung befinden. Eine Vorzugsbehandlung genießt wohl die angeschlagene französisch-belgische Bank Dexia, für die möglicherweise das Stressszenario entfallen soll.

Weiteres Beispiel: Die portugiesische Banco Espirito Santo wurde ganz aus dem Kreis der Prüflinge herausgenommen. Im Sommer war sie wegen einer drohenden Pleite abgewickelt worden. Sie wurde in eine Bad Bank und das Nachfolgeinstitut Novo Banco aufgespalten. Die Novo Banco ist nicht mehr in die Prüfung einbezogen worden.


5. Was bedeutet es für die Branchenkollegen, wenn eine Bank durchfällt?

Weil Banken untereinander Geschäftsbeziehungen pflegen, beobachten sie sehr genau, wie sich die Bonität der Branchenkollegen entwickelt. Wer beim Stresstest Probleme bekommt, muss damit rechnen, von Geschäftspartnern gemieden zu werden. Das bedeutet im Zweifelsfall, dass es schwieriger wird, an benötigte Kredite heranzukommen.

Viele kleine Banken haben einen Zusammenschluss zu Institutsgruppen. So sind die zahlreichen deutschen Volks- und Raiffeisenbanken etwa zu klein, um vom Stresstest direkt erfasst zu werden. Ihr Zentralinstitut, die DZ-Bank, hingegen gehört zum Kreis der Prüflinge.

Bekäme ein solches Zentralinstitut Probleme, müssten dann zunächst dessen Eigentümer Geld nachschießen – im Fall der Raiffeisenbanken beispielsweise die lokalen Institute. Etliche Kreditinstitute haben aus diesem Grund bereits im Vorfeld das Kapital ihrer Zentralen aufgestockt.


6. Wie aussagekräftig sind die Prüfungsergebnisse?

Je nach Land und Geschäftsmodell des Kreditinstituts haben die Annahmen im Stressszenario unterschiedliche Wirkungen auf die Kapitalquote. So hätte beispielsweise aufgrund der vorherrschenden Finanzierungsgewohnheiten in den jeweiligen Euro-Ländern der Verfall der Immobilienpreise in Deutschland andere Auswirkungen als in Spanien oder Italien, wo Immobilien weniger konservativ finanziert werden.

Finanzexperten und EU-Politiker sehen die Aussagekraft des Bankenstresstests zum großen Teil eher kritisch. So äußerte Prof. Clemens Fuest, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), dass Politiker und Banken enger zusammenarbeiten müssten. Die Banken müssten gezwungen werden, mehr Kapital zu halten und ihr Management kontinuierlich transparent machen, um einer Pleite nachhaltig vorzubeugen. Er wirft den Banken vor, beim Stresstest zu tricksen, indem sie ihre Bilanzsummen schneller schrumpfen ließen als das Eigenkapital.

Markus Ferber (CSU), erster stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Wirtschaft und Währung im Europa-Parlament, äußerte seine Bedenken gegen den Stresstest im ARD-Wirtschaftsmagazin Frontal 21. Er ist der Meinung, dass der Stresstest den Steuerzahler nicht davor schützen könne, im Falle einer Bankenpleite wieder einspringen zu müssen. Auch er sprach sich für eine kontinuierlich bessere Kontrolle des Bankensystems aus.


7. Wer zahlt, wenn ein Kreditinstitut abgewickelt wird?

Stresstest und gemeinsame Bankenaufsicht haben den Sinn, dafür zu sorgen, dass für Rettungsaktionen kein Steuergeld mehr in den Finanzsektor fließen muss. Weil der Topf, den die Banken zu diesem Zweck auffüllen sollen, aber erst ab 2016 zur Verfügung steht, können auch nach dem Test noch öffentliche Geldspritzen für Banken fällig werden.

Dabei betont die EZB, dass die erste Quelle für Kapitalspritzen nach dem Stresstest der Privatsektor sein solle. Das hieße im Klartext, dass Aktionäre oder Gläubiger der betroffenen Banken zur Kasse gebeten würden. Doch in Expertenkreisen geht man davon aus, dass das nicht immer ohne öffentliches Geld möglich sein wird.

Außerdem gehören viele am Stresstest teilnehmende Banken dem Staat, wie etwa die deutschen Landesbanken HSH Nordbank oder Nord/LB, an denen die Bundesländer und die von Städten und Gemeinden finanzierten Sparkassen beteiligt sind. Ausgerechnet sie werden zu den Wackelkanditaten gezählt.


Am Sonntag wissen wir (vielleicht) mehr

Seien wir also auf diesen Sonntag gespannt, wenn voraussichtlich um 12 Uhr mittags die Zeugnisse verteilt werden. Wo sehen Sie die Chancen und Risiken des Bankenstresstests? Ihre Meinung interessiert mich wie immer unter Martina.Bisdorf@boersenspiegel.com.

Es grüßt Sie herzlich und kritisch zur Wochenmitte,

Ihre

Martina Bisdorf

PS: Immer weniger Konsumenten kaufen zuckrige Limonaden und klassisches Fast Food. McDonald´s, Coca-Cola und Co. stellen sich darauf ein und wollen ihre Produkte anpassen. Das ist auch im Bezug auf die Quartalszahlen ratsam. Wie (wenig) „fett“ diese für McDonald´s ausgefallen sind, können Sie im heutigen Daily Post auf unserer Homepage
www.boersenspiegel.comnachlesen.







Zitat der Woche


„Die wichtigste Voraussetzung für nachhaltiges Wachstum in europäischen Volkswirtschaften ist Vertrauen.“

Wolfgang Schäuble, Bundesfinanzminister






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