Börse, Wirtschaft, Lifestyle - Was Anleger & Börsenprofis bewegt

Ausgabe vom 28. Mai 2014


  • Fußball-Nation Brasilien – Wie sieht es hinter den Kulissen aus?
  • Zitat der Woche    

 

Fußball-Nation Brasilien –
Wie sieht es hinter
den Kulissen aus?

von Martina Bisdorf
Redaktion BÖRSEN-SPIEGEL        FacebookLike   TwitterFollow

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

nachdem ich mich, aus gegebenen Anlässen, letzte Zeit intensiv mit Europa beschäftigt habe, werde ich Sie heute mit nach Südamerika nehmen. Werfen wir einen Blick hinter die Kulissen der am 12. Juni beginnenden Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien. Mit fünf gewonnenen Titeln ist die brasilianische Fußball-Nationalmannschaft, genannt Selecao (Auswahl), die weltweit erfolgreichste.

Und sie ist der Stolz des traditionsreichen Landes, das im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche interessante Kulturen hervorgebracht hat. Heute ist die ehemalige portugiesische Kolonie der flächen- und bevölkerungsmäßig fünftgrößte Staat der Erde und mit über 192 Mio. Einwohnern der bevölkerungsreichste Südamerikas. Nun wird dort also bald die gesamte Fußballwelt zu Gast sein. Doch ist die Freude nicht ganz ungetrübt.

Die WM im Regenwald spaltet die Gemüter...

… und das beginnt schon in Deutschland. So titelte Die Welt gestern, wie ich meine, ein wenig dramatisch: „Die Fußball-WM in Brasilien spaltet die deutsche Bundesregierung – und der Riss geht mitten durch die Union.“ Hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erst vor wenigen Tagen angekündigt, schon zum ersten Spiel der deutschen Mannschaft gegen Portugal am 16. Juni nach Salvador zu reisen, sagt nun Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU), er werde sich kein einziges Spiel vor Ort ansehen.

Dabei hätte der Fußballfan gute Gründe für eine Reise nach Brasilien. Schließlich fördert sein Ministerium Sozial- und Umweltprojekte in dem lateinamerikanischen Land. „Ich wurde eingeladen, aber ich fahre nicht hin. Diese Konstellation unterstütze ich nicht“, äußerte er sich gegenüber den Medien. „Ich befürchte ein ähnliches Desaster wie in Südafrika: Milliardeninvestitionen verkommen zu Ruinen und daneben darbt die Bevölkerung im Elend.“ Brasilien stehe für „Straßenfußball“, nicht aber für eine solche „Art von Großereignissen“, von denen ein Großteil der Bevölkerung überhaupt nichts habe, so der Entwicklungsminister weiter.

Müller ärgert sich besonders über den Austragungsort Manaus im Amazonasbecken. Dort finden vier Vorrundenspiele statt, darunter eines (USA gegen Portugal) der Gruppe G, zu der Deutschland gehört. Außerhalb der WM besteht dort aber kein Bedarf für ein großes Fußballstadion. Denn die Vereine der kleinen Stadt spielen durchweg in unteren Ligen. „Ein Stadion, das Millionen kostet, in den tropischen Regenwald hineinzubauen, da bin ich als Fußballfan entsetzt“, kritisierte Gerd Müller die Baumaßnahme. Offensichtlich trifft er damit genau ins Schwarze, denn es gibt nicht wenige Kritiker, gerade auch aus dem Umfeld der Naturschützer, die sich gegen die „überdimensionierten“ baulichen Investitionen richten.

Scharfe Kritik am WM-Kult – Wo bleibt die Nachhaltigkeit?

Um Ihnen zu verdeutlichen, was der WM-Kult für die einfache, oft arme Bevölkerung Brasiliens bedeutet, möchte ich mich eines Auszugs aus dem Finanzmagazin EURO am Sonntag bedienen, der, wie ich finde, die Situation der meisten Einwohner treffend beschreibt:

„In Sao Paulos unansehnlichem Osten, inmitten der Armenviertel, thront die Arena Corinthians (Fußballstadion) - auf einem freigeräumten Höhenzug, dessen Bewohner umgesiedelt wurden. Mit seinen silbrigen Seitenfronten wirkt der Baublock wie ein gigantisches Raumschiff, das eben gelandet ist in einer Einöde aus Asphalt, Beton, Abwasserkanälen und Kabelgewirr. 5 Mio. Menschen leben in der Ostzone von Brasiliens Megalopolis, so viele wie in ganz Norwegen. Ein gutes Drittel davon bezeichnet sich als Fans von Corinthians. Damit das Stadion für die sechs WM-Spiele die von der Fifa geforderten 65.000 Sitzplätze erreicht, mussten Arbeiter zwei provisorische Zusatztribünen zusammenschrauben, die nach der WM wieder abmontiert werden. Doch selbst die fest installierten Plätze sind großzügig kalkuliert, im Vorjahr ist im Schnitt jeder zweite frei geblieben. Damit rangiert der - nach Flamengo aus Rio - zweitbeliebteste Verein des Landes immerhin deutlich über dem Ligaschnitt, der bei gerade mal 14.900 Zuschauern pro Spiel liegt. Im Land des Rekordweltmeisters gehen also weniger Menschen ins Fußballstadion als in den fußballverachtenden USA. Selbst die deutschen Zweitligaklubs ziehen mehr Fans an. Der wichtigste Grund für dieses Paradoxon ist direkt vor dem Stadiontor zu erfahren: Dort lehnen Joao, Sergio und Moacyr an einem Kipplaster und paffen Feierabendzigaretten. Werden sie auch im Stadion sein, wenn dort der Ball rollt? ,Das kann ich mir niemals leisten. Wir drei hier verdienen etwas mehr als den gesetzlichen Mindestlohn.‘ Dieser liegt bei 724 Brasilianischen Real, umgerechnet etwa 240 Euro. ,Für uns gibt es Fußball höchstens im Fernsehen.‘ Doch die meisten Spiele laufen im Pay-TV. Ist das nicht auch teuer? Joao grinst. Er habe technisch versierte Nachbarn, sagt er.“

Man muss der Realität ins Auge sehen – Es herrscht Gewalt

Die hohen Preise sind aber nicht der einzige Grund für die Unlust vieler Brasilianer, live an Ligaspielen teilzunehmen. Auch die verbreitete Gewalt in den Stadien und unzureichende Verkehrsanbindungen bremsen wohl die Begeisterung. Allein im Vorjahr kamen bei Auseinandersetzungen 30 Menschen ums Leben.

Mit über 50.000 Morden pro Jahr ist Brasilien eines der gefährlichsten Länder der Erde. Viele Fans überlegen sich gut, ob sie den Weg in Gegenden wie Itaquera wagen, wo die Arena Corinthians steht. Auch an der schlechten Erreichbarkeit vieler Stadien hat die bevorstehende WM nichts geändert. Wer sich kein Auto leisten kann, wird also weiter außen vor bleiben.

Für Sicherheit der WM-Helden ist gesorgt – Wo bleibt das Volk?

Die zuständigen Sicherheitsbehörden des Landes betonen schon lange, dass für die Spieler der WM-Kader keinerlei Gefahr bestehe. Auch deren Unterkünfte seien bestimmt bis zum Beginn der Spiele fertiggestellt. Daran habe ich kaum Zweifel. Was mich mehr umtreibt, ist abermals die Sorge um die Bevölkerung, die wahrscheinlich keinen dauerhaften wirtschaftlichen Nutzen von dem einmaligen sportlichen Großereignis haben wird.

Einmal mehr könnte es nach dem ganzen Glanz und Gloria heißen, „außer Spesen nichts gewesen...“ Denn, wie so häufig, stinkt auch im brasilianischen Fußball der Fisch vom Kopf: Bis heute verweigert der Fußballverband CBF den Aufbau professioneller Strukturen. Nicht selten werden die Vereine von eigennützigen Geschäftemachern geführt, die nicht für ihre Entscheidungen haften müssen. Dabei hat es an Einnahmen nie gemangelt, allein die Spielerverkäufe nach Europa brachten in den letzten acht Jahren mehr als 1 Mrd. Euro.

Ein erheblicher Teil dieser Deals wurde allerdings über Steueroasen abgewickelt. Nach Angaben der Brasilianischen Zentralbank wurden im Zeitraum 2002 bis 2012 Transfergeschäfte von mehr als 190 Mio. Dollar über Konten auf Grand Cayman und anderen karibischen „Waschanlagen“ abgewickelt. Und wieder ist nichts für das Land selbst hängen geblieben.

Die Präsidentin zeigt sich interessiert

Vorige Woche lud Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff die zehn führenden Sportjournalisten des Landes zum Abendessen ein und erkundigte sich nach Ansatzpunkten, um die mafiosen Strukturen der Fußballvereine aufzubrechen. „Der Zeitpunkt ist jetzt“, soll sie laut einem Teilnehmer der Runde gesagt haben. Fraglich bleibt, ob das so einfach wird.

Immerhin ist Brasiliens Börse in den vergangenen Monaten angesprungen. Als Hauptgrund dafür nennen Experten die Wette der Investoren, dass Dilma Rousseff bei der Präsidentenwahl im Oktober ihr Amt verliert und danach Reformen in Gang kommen. Das nenne ich gewagte Aussichten...

Dem Land droht eine Rezession

Dabei könnte die brasilianische Wirtschaft einen echten Schub gebrauchen, denn es läuft nicht rund am Zuckerhut. Brasiliens Konjunktur hat sich - nach den Boomjahren von 2003 bis 2008, von denen immerhin viele Menschen profitiert haben - deutlich verschlechtert. Mangelnde Reformen sowie die nachlassenden Rohstoffpreise haben stark auf das Wachstum gedrückt. Wirtschaftsexperten rechnen für 2015 sogar mit einer Rezession. Gleichzeitig leidet die Bevölkerung zunehmend unter Korruption und Inflation.

Ich will wirklich keine Spaßbremse sein, das mögen mir jetzt bitte alle Fußballfans abnehmen. Aber dennoch sollte man, bei allem sportlichen Ehrgeiz, auch einmal kurz inne halten und bedenken, was ein solches hochgelobtes Großereignis eigentlich für die Menschen, die im Anschluss dort weiterleben müssen, bedeutet. Hoffentlich mehr als nur Bauruinen im Regenwald. Da hält sich mein Optimismus allerdings in Grenzen.

In diesem Sinne wünsche ich nun allen Fußballbegeisterten eine schöne und spannende WM-Zeit. Hoffen wir, dass Jogi´s Jungs bis dahin wirklich wieder alle fit sind und dass es besser läuft als die derzeitigen Vorbereitungen im Tiroler Trainingslager, die gestern auch noch von einem tragischen Unfall überschattet wurden. Alles Gute unserer Mannschaft!

Wie denken Sie über die Brasilien-WM, wirtschaftlich, ökologisch und sportlich? Ihre Meinung interessiert mich wie immer unter Martina.Bisdorf@boersenspiegel.com.

Es grüßt Sie herzlich und kritisch zur Wochenmitte

Ihre
Martina Bisdorf

PS: Für einen Paukenschlag der besonderen Art sorgte gestern Abend unsere Kanzlerin in Brüssel, als sie sich nicht eindeutig hinter den konservativen Spitzenkandidaten Jean-Claude Juncker als EU-Kommissionspräsident stellte. So wird wohl der Posten-Poker noch einige Zeit andauern. Immerhin ist José Manuel Barroso noch bis Oktober im Amt.


Zitat der Woche:

„Wenn diese Welt gut werden soll, muss man erst eine neue machen.“

Brasilianisches Sprichwort


Abbestellen des Newsletters

Wenn Sie diesen kostenlosen Newsletter abbestellen wollen, klicken Sie bitte HIER.

Ihnen wurde dieser kostenlose Newsletter weitergeleitet
und Sie wollen ihn nun auch beziehen?

Gehen Sie einfach auf www.boersenspiegel.com und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse in das entsprechende Formularfeld ein.

Kritik, Fragen, Anregungen?
Senden Sie uns eine E-Mail an Patrycja.Jopek@boersenspiegel.com.

Risikohinweis
Bitte beachten Sie: Die Informationen stellen weder ein Verkaufsangebot für die behandelte(n) Aktie(n) noch eine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar. Den Ausführungen liegen Quellen zugrunde, die der Herausgeber für vertrauenswürdig erachtet. Dennoch ist die Haftung für Vermögensschäden, die aus der Heranziehung der Ausführungen für die eigene Anlageentscheidung möglicherweise resultieren können, kategorisch ausgeschlossen. Wir geben zu bedenken, dass Aktien grundsätzlich mit Risiko verbunden sind. Der Totalverlust des eingesetzten Kapitals kann nicht ausgeschlossen werden. Sie sollten sich vor jeder Anlageentscheidung weitergehend beraten lassen. Der Herausgeber kann Short- oder Long-Positionen in der/den behandelte(n) Aktie(n) halten. Copyright: © 2014 MECONOMICS. Nachdruck (auch auszugsweise), kommerzielle Weiterverbreitung und Aufnahme in kommerzielle Datenbanken nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers.

Herausgeber:
MECONOMICS GmbH, Flemingstrasse 20-22, 36041 Fulda

 V.i.S.d.P.: Jürgen Schmitt, Fulda


Börsen-Spiegel Verlagsgesellschaft mbH
Flemingstrasse 20-22
36041 Fulda
Telefon: +49 (661) 480 499 0
Telefax: +49 (661) 480 499 15
E-Mail: service@boersenspiegel.com
Datenschutz | AGB | Impressum
©2017 Börsen-Spiegel Verlagsgesellschaft mbH