Börse, Wirtschaft, Lifestyle - Was Anleger & Börsenprofis bewegt


Ausgabe vom 14. Mai 2014


  • Ist die Europa-Verdrossenheit wirklich auf dem Vormarsch?
  • Zitat der Woche    

 

Ist die Europa-Verdrossenheit
wirklich auf dem Vormarsch?

von Martina Bisdorf
Redaktion BÖRSEN-SPIEGEL        FacebookLike   TwitterFollow

Liebe Leserinnen und Leser,

wie „europamüde“ sind wir Europäer eigentlich und wie ist die Stimmung bei den betroffenen Menschen, die zwangsläufig auf einem Kontinent leben müssen, wirklich? Diese Frage hat sich mir bei meinen Recherchen zum Thema Europa-Wahl gestellt. Sämtliche Talkrunden scheinen sich aus gegebenem Anlass - nämlich der achten Wahl des Europäischen Parlaments am 25. Mai - mit diesem Thema zu befassen. Stellvertretend sei hier einmal das „inhaltslose Gemetzel“ bei Frank Plasbergs „Hart aber Fair“ am Montagabend genannt. Es war einem zum Umschalten zumute und man hatte Mitleid mit dem Moderator, der immer wieder bemüht war, wenigstens etwas Substanz in die mehr emotionalen als gehaltvollen Meinungsabschläge seiner Gesprächsgäste zu bringen.

Zuvor brachte die ARD eine Reportage über die Meinung des einfachen Volkes zum Thema Europa. Wie auch in anderen Medienbeiträgen über den „Europaglauben“ der EU-Bürger, gab es - je nach Geber- oder Nehmerländern - sehr unterschiedliche Meinungen dazu. So hörte man von der rumänischen Spargelstecherin, die durch ihre Arbeit in Deutschland über die letzten Jahre hinweg ein Häuschen für die Familie finanzieren konnte, nur Positives über den EU-Beitritt ihres Landes.

Anti-europäische Haltung bricht sich mehr und mehr Bahn

In Frankreich hingegen scheint sich, vom jungen Bildungsbürgertum einmal abgesehen, eine eher anti-europäische Haltung breitzumachen. Bei näherer Betrachtung beobachten Experten dort sogar einen Rechtsruck. So ist Marine Le Pen mit ihrer „Front National“ gerade im ländlichen Bereich und den Pariser Vororten auf dem Vormarsch. Weitverbreiteter Tenor dort: Man wolle sich nicht von den Nachbarn bevormunden lassen. Diese Plattitüde spielt natürlich den rechtsextremen Parteien geradezu in die Hände.

In Griechenland hingegen, dem europäischen Sorgenkind Nr. eins, sieht die Stimmung derzeit wohl eher zweigeteilt aus. So erklärte die griechische EU-Abgeordnete Sylvana Rapti, die erneut kandidiert, dass das europäische Rettungspaket sowie die drastischen Sparmaßnahmen der Hellenen bereits gegriffen hätten. Tatsächlich scheint es Zeichen der Verbesserung zu geben. Beispielsweise berichtete das junge Athener Start-up-Unternehmen „Workable“, ein Internet-Personaldienst-Vermittler, das sich mithilfe ausländischer Investoren finanziert, über ein monatliches Wachstum von 35% (an Zugriffen). Man sei zuversichtlich, dass es sich gerade in Krisenzeiten auszahle, in die Unternehmensgründung zu gehen. Auch die Tourismus-Branche erlebt seit 2013 einen enormen Aufschwung, allerdings von einem niedrigen Niveau aus.

Zweigeteiltes Bild beim Sorgenkind Griechenland

In den „Social Kitchens“ rund um die Akropolis sieht die Stimmung allerdings anders aus. Dort trifft man verdrossene Rentner, die oft nicht von ihren monatlichen Einkünften leben können, sowie langzeitarbeitslose Familienväter, die ebenso auf soziale Einrichtungen für Essen und Kleidung für ihre Kinder angewiesen sind. Hier ist die generationsübergreifende Europa-Stimmung eher negativer Art. Meist wird die Schuld an der Misere den europäischen Nachbarländern zugeschoben, die für die zu drastischen Sparmaßnahmen verantwortlich seien.

Und bei uns? Viele Bürgerinnen und Bürger fühlen sich durch EU-Richtlinien im Bezug auf Lebensmittel und andere Verbrauchsgüter überreglementiert. Obwohl diese Ablehnung oft nur einem Bauchgefühl entspringt. Die europäische „Normgurke“ ist ja inzwischen wieder abgeschafft. Man sieht sich häufig als Opfer, das die „armen“ Südländer immer wieder unterstützen muss. Aber die Wenigsten sind wirklich gut informiert. Die Wahlbeteiligung von nur 43% bei der letzten Wahl des Europäischen Parlaments 2009 scheint diese Europa-Müdigkeit zu untermauern.

Wahl-Interesse in Deutschland wird dieses Mal höher eingeschätzt

Dennoch gibt es Hoffnung. Wie das Internetportal ZDF-Check, in dem man sich über alles im Zusammenhang mit der Europa-Wahl informieren kann, bekannt gab, gibt es dort erstaunlich viele Zugriffe. Man beobachte ein regeres Interesse der Bürger an sachorientierten Themen als bei der letzten Wahl. Als Hauptgrund dafür wird von den Polit-Journalisten vermutet, dass es dieses Mal wirklich um etwas geht.

So soll der Wahlsieger gleichzeitig Präsident der EU-Kommission werden. Ein Amt, das bisher den Regierungschefs vorbehalten war. So gibt es für den 25. Mai zwei Spitzenkandidaten, den deutschen Sozialdemokraten Martin Schulz und den konservativen ehemaligen luxemburgischen Premierminister Jean-Claude Juncker. Beide sind erfahrene Europa-Politiker und Experten vermuten ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen.

Letztlich geht es darum, die EU stärker zu demokratisieren. Experten warnen allerdings, dass etliche nationalistisch ausgerichtete Parteien das neu aufkeimende Interesse an der diesjährigen Wahl das oben erwähnte Bauchgefühl der Menschen bedienen und die oft gefühlte Europa-Verdrossenheit zu ihren Gunsten nutzen könnten. Um über das Bauchgefühl hinaus zu gehen, will ich Ihnen nun einige Fakten zur Entwicklung der Europäischen Union (EU) in Erinnerung rufen. (Wem das zu langwierig ist, der darf gerne den nächsten Abschnitt überspringen!):

Die EU ist nicht mehr rückgängig zu machen - Wir sitzen alle in einem Boot

Die Anfänge der EU gehen auf die 1950er Nachkriegsjahre zurück, als sich zunächst sechs Staaten (Italien, Belgien, die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Luxemburg und die Niederlande) zur Europäischen Gemeinschaft (EG) zusammenschlossen. Im Lauf der folgenden Jahrzehnte traten weitere Staaten bei. Mit dem Vertrag von Maastricht gründeten die EG-Mitgliedstaaten 1992 die Europäische Union, mit Zuständigkeiten auch in nichtwirtschaftlichen Politikbereichen. In mehreren Reformverträgen, zuletzt im Vertrag von Lissabon 2007, wurden die supranationalen Kompetenzen nochmals ausgebaut, zugleich wurden die gemeinsamen Institutionen schrittweise demokratisiert.

Der Staatenbund hat heute 28 Mitglieder mit einer Gesamtbevölkerung von über einer halben Milliarde Einwohnern. Der Europäische Binnenmarkt ist der am Bruttoinlandsprodukt gemessen größte gemeinsame der Welt. Die EU besitzt eine eigene Rechtspersönlichkeit und verfügt seither über ein Rede- und Einsichtsrecht bei den Vereinten Nationen.

Das politische System basiert auf zwei Grundverträgen, dem EU-Vertrag und dem Vertrag über die Arbeitsweise der EU (AEU-Vertrag). Es beinhaltet sowohl staatsübergreifende als auch zwischenstaatliche Elemente. Während im Europäischen Rat und im nach Fachressorts aufgeteilten Rat der Europäischen Union (Ministerrat) die nationalen Regierungen vertreten sind, repräsentiert das Europäische Parlament bei der Rechtsetzung der EU unmittelbar die Unionsbürger. Die Europäische Kommission als Exekutivorgan und der Europäische Gerichtshof als Rechtsprechungsinstanz sind ebenfalls supranational.

Innerhalb der EU bilden 18 Staaten die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion. Durch ihre Außen- und Sicherheitspolitik bemühen sich die Mitgliedsstaaten um ein gemeinsames Auftreten gegenüber Drittstaaten. Die Europäische Union hat Beobachterstatus in der G8, ist Mitglied in der G20 und vertritt ihre Mitgliedsstaaten in der WTO.

Gemeinsam für den Frieden

2012 wurde der Europäischen Union der Friedensnobelpreis „für über sechs Jahrzehnte Beitrag zur Förderung von Frieden und Versöhnung, Demokratie und Menschenrechten in Europa“ zuerkannt. Denn die Grundidee war die gezielte wirtschaftliche Verflechtung nach dem Zweiten Weltkrieg, die neue militärische Konflikte für die Zukunft unmöglich machen und durch den größeren Markt das Wirtschaftswachstum beschleunigen sollte.

Hier sei mir erlaubt anzumerken, dass der dauerhafte Beitrag der EU zu einer friedlichen Koexistenz der Nachbarstaaten neben der Wirtschaftsgemeinschaft sicher eines der wichtigsten Argumente für die EU ist. Dabei hat Europa als Gemeinschaft viel zu bieten. Was zur Selbstverständlichkeit geworden ist, scheint die Menschen leider nur noch mäßig zu interessieren.

Der Euro – Zu starke Währung?

Seit 1. Januar 2002 gilt der Euro als gemeinsame Währung der EU-Mitgliedsstaaten. Er hat sich bislang durch Stärke und Stabilität ausgezeichnet. Laut Angaben des Finanzmagazins EURO am Sonntag schlage die EZB Alarm in Anbetracht seiner Stärke. Und deutsche Konzerne machen den starken Euro zunehmend für deren Geschäftseinbußen verantwortlich. In einigen Chefetagen wächst offenbar die Sorge, dass die Eurostärke kein temporäres Problem sein könnte. So warnte Linde-Chef Wolfgang Reitzle, dass für Linde bis 2016 mit Ergebniseinbußen von bis zu 400 Mio. Euro zu rechnen sei, sollte sich die Entwicklung an der Währungsfront fortsetzen.

Vor allem in den zurückliegenden Wochen hatte der Eurokurs stark zugelegt. Einen gewissen Anpassungsdruck in der deutschen Exportindustrie registriert auch Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW). Die Aufwertung des Euro sei allerdings vor allem ein Problem für die exportorientierte Industrie der Eurokrisenländer. „Die deutschen Exporteure sind dagegen durch ihre Position als Weltmarktführer oder allein durch ihren kundenorientierten Differenzierungsspielraum weniger von einer preisempfindlichen Nachfrage abhängig“, so Hüther weiter. Ähnlich sieht das Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer, der die aus dem Eurokurs resultierenden Gefahren für überbewertet hält.

Die Entwicklung des Euro war auch Kernthema der Ratssitzung der Europäischen Zentralbank am vergangenen Donnerstag. Den Leitzins von 0,25% hatte die Zentralbank dabei zwar nicht weiter gelockert. EZB-Präsident Mario Draghi deutete jedoch eine weitere Lockerung für Juni an. Die Inflationsrate im Euroraum lag zuletzt bei 0,7%. Es gibt noch viel zu tun im Euroland. Wir werden Sie auf dem Laufenden halten.

Machen Sie sich Ihr eigenes Bild

Trotz aller Warnungen und Mahnungen läuft es an den Börsen immer besser. So verzeichneten DAX und Dow ein weiteres Plus. Einige Börsianer sehen den Weg in Richtung neuer Allzeithochs bereits beschritten. Und auch der so stark herbeigeredete Börsen-Crash ist einfach ausgefallen, wie mein Kollege Dieter Wendt Ihnen gestern schon berichtete.

Es liegt an Ihnen, sich Ihre eigene Meinung über Europa, den Urnengang am übernächsten Sonntag, die Entwicklung des Euro und der Börsen zu bilden. Diese interessiert mich wie immer unter Martina.Bisdorf@boersenspiegel.com.

Wir können Sie nur dazu einladen, Ihnen in unseren Publikationen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, mit faktenorientierten Informationen, nachvollziehbaren Empfehlungen und Wissenswertem rund um die Geldanlage. Schauen Sie einmal vorbei auf unserer Homepage und informieren Sie sich über unseren BÖRSEN-SPIEGEL, das 100%-DEPOT und den Smart Money Investor.

Es grüßt Sie herzlich und kritisch zur Wochenmitte

Ihre
Martina Bisdorf

PS: Eine weitere wichtige Wahl steht am 25. Mai an, die Präsidentschaftswahl in der Ukraine. Diese dürfte allerdings recht problematisch werden, da die östlichen Landesteile, die gerade ihre „Unabhängigkeit“ erklärt haben, wahrscheinlich nicht mit votieren werden, womit die Gültigkeit der Wahl von vornherein infrage gestellt wäre. Bleibt die Hoffnung auf den nationalen Runden Tisch, der heute vielleicht einen Anfang auf dem Weg zur Lösung des Konfliktes werden kann.



Zitat der Woche

„Die Erholung läuft, das ist richtig. Einige Länder haben die Hilfsprogramme erfolgreich beendet. Aber das heißt nicht, dass die Krise vorbei und unsere Mission erfüllt ist.“

IWF-Chefin Christine Lagarde zu den lauernden Gefahren für die europäische Wirtschaft



Abbestellen des Newsletters

Wenn Sie diesen kostenlosen Newsletter abbestellen wollen, klicken Sie bitte HIER.

Ihnen wurde dieser kostenlose Newsletter weitergeleitet
und Sie wollen ihn nun auch beziehen?

Gehen Sie einfach auf www.boersenspiegel.com und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse in das entsprechende Formularfeld ein.

Kritik, Fragen, Anregungen?
Senden Sie uns eine E-Mail an Patrycja.Jopek@boersenspiegel.com.

Risikohinweis
Bitte beachten Sie: Die Informationen stellen weder ein Verkaufsangebot für die behandelte(n) Aktie(n) noch eine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar. Den Ausführungen liegen Quellen zugrunde, die der Herausgeber für vertrauenswürdig erachtet. Dennoch ist die Haftung für Vermögensschäden, die aus der Heranziehung der Ausführungen für die eigene Anlageentscheidung möglicherweise resultieren können, kategorisch ausgeschlossen. Wir geben zu bedenken, dass Aktien grundsätzlich mit Risiko verbunden sind. Der Totalverlust des eingesetzten Kapitals kann nicht ausgeschlossen werden. Sie sollten sich vor jeder Anlageentscheidung weitergehend beraten lassen. Der Herausgeber kann Short- oder Long-Positionen in der/den behandelte(n) Aktie(n) halten. Copyright: © 2014 MECONOMICS. Nachdruck (auch auszugsweise), kommerzielle Weiterverbreitung und Aufnahme in kommerzielle Datenbanken nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers.

Herausgeber:
MECONOMICS GmbH, Flemingstrasse 20-22, 36041 Fulda

 V.i.S.d.P.: Jürgen Schmitt, Fulda


Börsen-Spiegel Verlagsgesellschaft mbH
Flemingstrasse 20-22
36041 Fulda
Telefon: +49 (661) 480 499 0
Telefax: +49 (661) 480 499 15
E-Mail: service@boersenspiegel.com
Datenschutz | AGB | Impressum
©2017 Börsen-Spiegel Verlagsgesellschaft mbH