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Ausgabe vom 26. März 2014


  • Mit Pauken und Trompeten zum Ziel?
  • Zitat der Woche
         


 

Mit Pauken und Trompeten zum Ziel?

von Martina Bisdorf
Redaktion BÖRSEN-SPIEGEL        FacebookLike   TwitterFollow

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wie Sie alle mitbekommen haben, ich hoffe für Sie, möglichst ohne selbst von den Auswirkungen betroffen zu sein, gehen die Warnstreiks im Öffentlichen Dienst auch diese Woche weiter. Aufgerufen hat dazu - beinahe hätte ich gesagt, wie im Frühjahr üblich - die Gewerkschaft des Öffentlichen Dienstes Verdi, unterstützt vom DBB (Deutscher Beamtenbund), der sich dann gern an den Tarifergebnissen beteiligt. Da Beamte ja nicht streiken dürfen, sind sie laut der Vorsitzenden des Beamtenbundes, Lilli Lenz, unsere große Stütze, ohne die an solchen Tagen die gesamte Verwaltung zusammenbrechen würde. Soviel dazu…

Die Warnstreiks bedeuten im Klartext: In sechs Bundesländern, dazu gehört auch unsere hessische Heimat, fahren keine Busse, sind Kindergärten geschlossen, wird in Krankenhäusern nur mit Notbesetzung gearbeitet, herrscht eingeschränkter Flugverkehr. Die Müllabfuhr kommt Gott sei Dank noch, wie ich heute Morgen gesehen habe. Im nordhessischen Kassel erwartet der Verdi-Bundesvorsitzende Frank Bsirske am Vormittag bis zu 5000 Teilnehmer zu einer Kundgebung.

Bei uns im Büro sah es heute so aus: Eine Kollegin kam verspätet zur Arbeit, weil sie ihre Tochter erst noch bei einer Tagesmutter unterbringen musste, die sie aus eigener Tasche bezahlen darf. Die Kita ist zu. Ein Kollege musste seine Kinder zur Schule chauffieren, weil die Busse nicht fahren, und das zur Abiturzeit. Gut, dass wir verständnisvolle Chefs haben…


Jedes Ding hat zwei Seiten

Aber keine Sorge, ich sehe auch die andere Seite. Es stimmt, dass die meisten Menschen, die im Öffentlichen Dienst beschäftigt sind, eindeutig zu wenig verdienen für das was sie leisten. Außerdem gibt es heut´ zu Tage auch nicht mehr die viel gepriesene Sicherheit, die man früher im Öffentlichen Dienst hatte. Man war ja auch als Angestellter nahezu unkündbar und wurde regelmäßig leistungsunabhängig in der Lohnstufe hochgruppiert.

Heute sieht das anders aus. Auch hier gibt es vielerorts nur noch Zeitverträge und damit genauso eine ungewisse Zukunft wie für Arbeitnehmer in der freien Wirtschaft. Ich weiß, wovon ich rede. Meine Tochter arbeitet in der Pflege, mein Bruder bei der Berufsfeuerwehr. Das bedeutet Schichtdienste, die über kurz oder lang auf die eigene Gesundheit gehen, oftmals einige Wochen hintereinander kein freies Wochenende, weil man für erkrankte Kollegen einspringen muss, 12 Tage Dienst am Stück, kaum honorierte Feiertagszuschläge etc.


Berechtigte Forderungen nebst Werbeeffekten

Dennoch kann ich mich des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass es für Verdi bei den Warnstreik-Aufrufen nicht zuletzt auch darum geht, das eigene Profil zu schärfen. In ähnlicher Weise äußerte sich der Gewerkschaftsexperte Claus Schnabel gestern in einem Interview des ZDF-Morgenmagazins. Er bezeichnete insbesondere die Gewerkschaft Verdi als konfrontativ aggressiv gegenüber den Verhandlungspartnern, im Gegensatz zu Industriegewerkschaften, wie beispielsweise die IG Chemie, die in der Regel eher kooperativ konstruktiv agierten und damit zumeist auch schneller einen Teil ihrer Forderungen durchsetzen könnten. Darum geht es ja, um einen Vergleich, der für beide Parteien am Ende tragbar und nachvollziehbar ist.

Die aktuellen Forderungen für den Öffentlichen Dienst belaufen sich auf 3,5% Lohnerhöhung und einen Sockelbetrag von monatlich 100 Euro mehr Gehalt auf dem Konto. Laut Experten wären das insgesamt ca. 8%, bei der aktuellen Gehaltslage der öffentlich Angestellten sicher keine überzogene Erwartung. Nun muss man ebenfalls berücksichtigen, dass die Anzahl der Mitglieder von Verdi seit deren Gründung 2001 von 3 Mio. auf 2 Mio. zurückgegangen ist. Und da sind wir wieder beim Thema Eigenwerbung… Sicher ist der Streik ein legitimes Mittel, um Interessen durchzusetzen. Dennoch geben die damit verbundenen Events auch eine hervorragende Publicity ab.

Bleibt die Frage, ob man damit seine Ziele besser durchsetzen kann als mit moderateren Mitteln. In diesem Fall geht es ja bei der „gegnerischen Partei“ um die Staats- und Gemeindekassen, ergo um unsere Steuergelder, und nicht um die rein unternehmerische Entscheidung eines Firmenvorstands, der das Chance/Risiko-Verhältnis für seinen Betrieb abwägt. Also auch hier der Appell an die andere Seite: Unser Staat und unsere Kommunen sollten lernen, endlich unternehmerisch zu denken und zu handeln. Das beinhaltet auch die Verantwortung für die Arbeitnehmer, ohne die nichts funktioniert, und damit eine leistungsgerechte Bezahlung.


Was zählt, ist nach wie vor das Leistungsprinzip

Damit komme ich zum nächsten Thema: In unserer Gesellschaft hat sich über die Jahrzehnte ein stickiger Geruch von Anspruchsdenken breit gemacht. Man möchte sagen, es mieft oft ganz schön. Wenn etwas schief geht oder nicht funktioniert, springt der Staat ein. Das muss und soll der Sozialstaat auch tun, keine Frage, dafür sind wir eine Solidargemeinschaft. Aber um langfristig etwas zu bewegen, muss sich jeder einzelne selbst bewegen.

Das funktioniert, auch wenn es nicht immer leicht ist. Dazu gibt es heute – am Rande des Streiks – ein schönes Beispiel aus Stuttgart. In einer Kita, die bestreikt wird, haben sich die Eltern zusammengetan und übernehmen abwechselnd den Betreuungsdienst für die Kleinsten, damit zumindest einige von ihnen arbeiten können. Das nenne ich Eigeninitiative.

Das Beeindruckende daran, es gab Verständnis auf beiden Seiten: Ein Vater und eine Mutter bekundeten zwischen Butterbrot-Schnittchen und Bauklötzen, sie wünschten sich, dass die Erzieherinnen ihrer Kinder besser bezahlt würden, weil sie froh seien, ihre Sprösslinge in qualifizierten Händen zu wissen. Die Arbeitgeber der Eltern wiederum zeigten sich kooperativ, indem sie ihren Beschäftigten spontan frei gegeben haben. Das ist natürlich keine Dauerlösung, aber ein konstruktiver Ansatz, über den man zum Erreichen eines gemeinsamen guten Zieles durchaus nachdenken kann.


Man kann auch konstruktive Wege gehen

Ich kann abschließend aus eigener Erfahrung sagen, dass für alle Krisenlagen gilt, dass man ein verständnisvolles, unterstützendes aber zugleich auch forderndes Umfeld braucht, um die Situation zu meistern. Denn nur mit dem Zuteilen der notwendigen Rationen ohne ein gewisses Maß an Herausforderung kommen wir nicht an die Kraft unserer eigenen Ressourcen. Aber genau diese bieten uns die Möglichkeit, eine Krise zu bewältigen und letztendlich die Chance darin zu nutzen. Das lässt sich durchaus vom Einzelnen auf die Gesellschaft übertragen.

Diese Warte hat mit Verantwortung für sich selbst sowie für andere zu tun. So kann konstruktiv ein großes Ganzes entstehen ohne dass sich im Machtkampf die Fronten verhärten müssen. Wir werden sehen, was wann bei den Warnstreiks herauskommt. Wie immer lade ich Sie dazu ein, Ihre Meinung zu diesem sicherlich brisanten Thema kundzutun unter Martina.Bisdorf@boersenspiegel.com.

Es grüßt Sie herzlich und kritisch zur Wochenmitte

Ihre
Martina Bisdorf

PS: Auf jeden Fall etwas herausgekommen ist gestern für den FC Bayern, der sich mit seinem 3:1 Sieg gegen Hertha BSC Berlin seinen siebten Meistertitel im Rekordtempo geholt hat. Herzlichen Glückwunsch, sportlich gesehen können die Bajuwaren nicht mehr vom Thron gestoßen werden. 


Zitat der Woche

„Tarifverhandlungen ohne das Recht zum Streik wären nicht mehr als ‚kollektives Betteln‘.“

Das Bundesarbeitsgericht wörtlich in einem Grundsatzurteil vom 10.06.1980




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